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Fabrizio mit dem bei Pleischl Art geliehenen Tenor-Saxophon im Probenraum, vor dem Plakat für das Galakonzert der Stadtkapelle. (Foto: mon)

Wie die Stadtkapelle zu musikalischer Verstärkung aus dem peruanischen Arequipa kam

 

Straubinger Tagblatt | 19.10.2019 | Schneider-Stranninger

 

Für Fabrizio Johnson Corrales hängt zurzeit der Himmel sprichwörtlich voller Geigen: Der 23-jährige Peruaner hat seinen Bachelor in Biotechnologie von der katholischen Santa Maria Universität in Arequipa in der Tasche. Und vor wenigen Monaten die Nachricht bekommen, dass seine Bewerbung bei der peruanischen Wissenschafts-Institution Concytec um ein Stipendium an der TU München, Campus Straubing, erfolgreich war. Der Rektor des Straubinger Campus, Prof. Volker Sieber, hatte ihm die für eine Bewerbung notwendige Einladung für den Bereich Biochemie ausgesprochen. Das war Fabrizios Traum: An dieser weltweit renommierten Exzellenzuniversität studieren zu können. „Diese Uni hat schon 17 Nobelpreisträger hervorgebracht“, fügt er hinzu, seine Begeisterung erklärend. Noch dazu an einem Ort wie Straubing, der sich ausschließlich Zukunftsthemen rund um Biotechnologie widmet. Drei Monate lang experimentiert Fabrizio jetzt in Labors an der Schulgasse. Mikroalgen spielen dabei eine zentrale Rolle. Concytec übernimmt die Kosten – vom Flugticket über Unterbringung und Lebenshaltung.

Mitte September ist Fabrizio – zum ersten Mal in seinem Leben – in ein Flugzeug gestiegen, um den Atlantik zu überqueren und Europa kennenzulernen. Und zu all dem ist auch noch seine Kontaktaufnahme mit der Straubinger Stadtkapelle auf Anhieb auf offene Ohren gestoßen. Die Stadtkapelle ist als bisher einziger Adressat im Bereich Musik mit der Campus-Homepage als Freizeitaktivität für Studenten verlinkt. Der junge Peruaner hatte schon von daheim aus vorausschauend per E-Mail seine Fühler ausgestreckt, wo er denn in Straubing seinem größten Hobby, Saxophonspielen, frönen und überhaupt über den Campus hinaus Anschluss finden könnte. „Die Homepage der Stadtkapelle ist in deutsch. Ich habe dann Google-Translation benutzt.“ Fabrizio hat als Antwort ein herzliches „welcome“ von Dirigent Georg Zeller bekommen.

Bei Bluval schon am Stadtplatz mitgespielt

An einem Sonntag ist er in Straubing angekommen, hat den Jetlag („schrecklich“) von sieben Stunden Zeitverschiebung halbwegs weggesteckt. Am Mittwoch hat er mit Georg Zeller bei Blasinstrumentenbauer Pleischl in Atting ein Tenorsaxophon ausgeliehen, denn sein eigenes Saxophon mitzubringen, wäre zu kompliziert gewesen. Und teures Übergepäck noch dazu. Die Stadtkapelle hat die Leih-Kosten übernommen. Am Donnerstag war er bei der Probe der Stadtkapelle erstmals aktiv dabei und am Samstag hat er gleich beim Bluval-Auftritt am Stadtplatz mit dem Orchester mitgespielt. Im T-Shirt, das die Mitglieder des Jugendorchesters tragen, weil auf die Schnelle keine Vereinsuniform greifbar war. Auf dem Programm unter anderem der Bayerische Defiliermarsch und der Erzherzog-Albrecht-Marsch, der Böhmische Traum und der Straubinger Stadtturmmarsch.

Und danach konnte Fabrizio mit den Musikern bei den vielen Ensembles, die rund um den Stadtplatz auftraten, einen Eindruck vom Musikleben in Straubing bekommen, vom Karmeliten-Bier nebenbei auch, das in seinen Augen dem peruanischen Bier weit überlegen ist. „Ich habe das Gefühl, unser peruanisches Bier ist wässriger“, sagt er und grinst. Und schwärmt kaum weniger vom bayerischen Brot, den Gerichten mit Schweinefleisch und von „den Schnitzeln“.

Dass Fabrizio sich mühelos ins Orchester einreihte, ist kein Wunder: Er spielt seit neun Jahren hochversiert Saxophon, ist Mitglied in zwei immer wieder bei öffentlichen Anlässen präsenten Formationen seiner Heimatstadt. Die Art, wie bei der Stadtkapelle Musik verstanden werde, bewundere er, sagt er. „Ich habe mich in dieser Gemeinschaft auf Anhieb wohlgefühlt.“ Die Proben liefen natürlich auf deutsch, einige Mitglieder des Orchesters sprächen aber fließend Englisch, so dass es keine Verständigungsprobleme gibt. „Unsere Sprache ist ja ohnehin die Musik“, sagt Fabrizio lachend, und die Musik sei nun mal eine globale Sprache.

„Drei Tänze aus Arequipa“ beim Galakonzert

Damit nicht genug. Fabrizio wird beim Galakonzert der Stadtkapelle am 30. November im Theater am Hagen im Orchester mitspielen. „Die Weihnachtslieder kannte ich natürlich ohnehin.“ Er hat auf Georg Zellers Initiative dem Ensemble auch einige typische Musikstücke aus seiner Heimat mitgebracht. Wohlgemerkt nicht einfach aus Peru, sondern aus Arequipa. Darauf legt er Wert – aus Lokalpatriotismus. Die Einwohner lieben ihre Stadt am Fuß des Vulkans Misti. Georg Zeller hat daraus eine Suite zusammengestellt unter dem Motto „Drei Tänze aus Arequipa“ („La Tinguenita“, „Al Pie Del Misti“ und „Carneval de Arequipa“). Das Publikum kann sich also auf ein multikulturelles Programm freuen. Fabrizio findet schon jetzt, „es klingt unglaublich, sehr emotional“ und die Straubinger Musiker hätten die Intention dieser Stücke verstanden. „We try our best“, sagt Georg Zeller lachend.

„Perfekter geht es nicht“, schwärmt Fabrizio von all dem, was ihm widerfahren ist. Er hat seinem Saxophon-Professor in Peru davon berichtet. „Du spielst in einer deutschen Kapelle, bekommst ein Instrument gesponsert und kannst sogar bei einem Konzert mitwirken, in dem der Solotrompeter der Dresdner Philharmonie einen Part übernimmt – Gratulation“, hat der Professor nicht weniger begeistert per E-Mail signalisiert.

Natürlich fehlten ihm seine Familie und seine Freundin, räumt Fabrizio bei unserem in Englisch geführten Gespräch im Probenraum der Stadtkapelle ein. Aber der Studienaufenthalt und die Chance, ein Stück weit in Europa herumzureisen, sei eine unschätzbare Erfahrung. Er war schon im belgischen Gent und in Paris, hat auch das Münchner Oktoberfest besucht. Eigentlich, erzählt er, hätte er schon im August nach Straubing kommen können, aber da habe es wegen des Gäubodenvolksfestes keine Unterkunft für ihn gegeben. Er bedauert das, denn Kommilitonen vom Straubinger Campus haben ihm glaubhaft versichert, es sei schöner als das Oktoberfest. Jetzt hat Fabrizio noch einen Kurztrip nach Wien fest anvisiert.

Fan von Donau und Johann Strauss

Nicht zuletzt die wöchentliche Probe bei der Stadtkapelle sorge dafür, dass er sich hier rundum wohlfühle. Straubing gefällt ihm. Er mag „den Fluss, die Häuser, die Natur rundherum“ und dass es nicht hektisch wie in der Großstadt sei. „Das entspricht mir.“ Geradezu begeistert ist er, dass Straubing an der Donau liegt, weil er ein Fan der Donau und von Johann Strauss ist, der den Walzer „An der schönen blauen Donau“ komponiert hat. Der Campus Straubing der TU München imponiert ihm, die Labore seien hervorragend ausgestattet, die Organisation erstklassig.

Mitte Dezember wird Fabrizio heim nach Arequipa reisen. Er freut sich auf Familie und Freundin und nimmt den Wunsch mit, wiederzukommen, um vielleicht am Straubinger Campus der TU München seinen Master zu machen. „Dafür muss ich erst Deutsch lernen“, hat er sich schon mal über das Angebot des Goethe-Instituts in seiner Heimatstadt informiert. In der Stadtkapelle ist für Fabrizio und sein Saxophon bestimmt immer ein Platz frei.