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Das „Projekt Sichtverbaut“ der Studierenden Leonhard Pischon, Johanna Graf und Sarah Rumprecht (v.l.) am TUM Campus Straubing unterm Stadtturm war ein voller Erfolg. Foto: Ulli Scharrer/Straubinger Tagblatt

Studentenprojekt „Sichtverbaut“ zum Plastikmüll ein voller Erfolg und „ein bisschen Kunst“

„Der Wahnsinn!“ Ein Mann kann es gar nicht fassen, dass eine vierköpfige Familie auf zwei Wochen im Schnitt so viel Plastikmüll anhäuft. Er lässt sich den Müllvorhang im Stadtturmdurchgang genau erklären. Er ist nicht der Erste und schon gar nicht der Einzige, der sich am Samstag mit dem Studentenprojekt „Sichtverbaut“ auseinandersetzt. Sich mit dem Problemthema Müll auseinanderzusetzen, haben die Passanten kein Problem, aber viele eines, direkt mit dem gesäuberten Müll in Berührung zu kommen. Die, die sich durch den Durchgang trauen, bücken sich weit runter, um unter dem Vorhang durchzuschlüpfen. Nur die wenigsten trauen sich, den Müll anzufassen, etwas zur Seite zu schieben und den Vorhang aufrecht zu durchschreiten.

Das „Projekt Sichtverbaut“ von Johanna Graf, Leonhard Pischon und Sarah Rumprecht ist am 13. Januar 2018 unterm Stadtturm ein voller Erfolg. Die Studenten des TUM-Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit haben in Gewicht und Volumen, es sind insgesamt zwölf Kilo, die Menge von Plastikmüll aufgehängt, die eine vierköpfige Familie im Schnitt in zwei Wochen „produziert“.

Einfach mal die Masse an Müll zeigen

Ein junger Familienvater erklärt seinem Sohn, der staunend die Installation ansieht, die Wichtigkeit von Recycling und Müllvermeidung. Er grübelt, dass er sonst nur seinen Abfalleimer sieht, „da schaut alles nicht so viel aus“. Der nächste Passant hat es eilig, signalisiert aber seine Unterstützung: „Coole Idee, hab’s schon in der Zeitung gelesen.“ Eine ältere Frau nimmt sich mehr Zeit, sie erkennt die Müll-Problematik, verteidigt sich vor den jungen Leuten aber, weil sie es persönlich nimmt: „Ich bin gehbehindert, ich kann nicht zum Wertstoffhof gehen.“ Johanna Graf, Leonhard Pischon und Sarah Rumprecht nehmen sich für jeden, der das Gespräch sucht, Zeit und erklären oder informieren über ihr Projekt und vor allem über die steigende Müllproblematik in Deutschland und in der Welt. Dazu haben sie viele Informationen recherchiert, die aber nicht nur als Zahlen, sondern greif- und erlebbar präsentiert werden sollen. Der Vorhang soll „einfach mal die Masse zeigen, damit man sich das vorstellen kann“, erklärt Sarah Rumprecht. „Und als Nebenprodukt entsteht ein bisschen Kunst“. Ein bisschen wolle man mit dem Plastikvorhang aus Müll aber auch schockieren, fügt Johanna Graf hinzu, um dadurch zum Nachdenken anzuregen. Das klappt beim „Projekt Sichtverbaut“ vorzüglich. „Viel mehr regional gehört her“, fordert der nächste Passant vehement und empfiehlt gleich „den Bauern seines Vertrauens“. „Warum muss Obst im Supermarkt in Plastik verpackt verkauft werden?“, fragt sich ein anderer. Zwei Minuten später wird’s politisch: „Wir trennen den Müll seit Jahren, aber die in der Dritten Welt müssen damit auch einmal anfangen und nicht alles ins Meer schmeißen.“ | Beuys hätte eine Plastikflasche genügt Die Studenten aus der Modul- Gruppe „Gestaltung und Design“ freuen sich über die Resonanz zu ihrem „Projekt Sichtverbaut“. Auf die hatten sie natürlich gehofft, aber dass sie so groß ausfällt, hätten sie nicht erwartet. „Mit Gestaltung auf Dinge und Themen aufmerksam machen, die uns alle interessieren oder angehen“, erklärt Max Messemer, der Dozent der Studenten, der das „Projekt Sichtverbaut“ auch benoten wird. Ein Lehrer macht schnell ein Handyfoto. Er will die Idee für seinen Unterricht aufgreifen. Ein anderer sieht mehr den Kunstcharakter: „Der Joseph Beuys hätt’ wahrscheinlich nur eine Plastikflasche aufgehängt, und das wäre eine Million wert gewesen“, urteilt ein versierter Kunstsammlers. Gudrun Späth vom ZAW-SR, aus dessen Sammeltonnen der Müll für „Sichtverbaut“ stammt, schaut auch vorbei und ist beeindruckt von der Aktion: „In der ganzen Steinergasse wird darüber diskutiert.“ Und die drei Studenten versprechen ihr dankbar: „Sie kriegen allen Müll wieder zurück. Sortiert und getrennt!“

Quelle/Foto: Ulrich Scharrer, Straubinger Tagblatt, 15. Januar 2018