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Michael Kirchinger zeigt im Labor seinen Ausgangsstoff Xanthohumol. Foto: Gertraud Wittmann, Abendzeitung

Kann ich Alzheimer vorbeugen, indem ich Bier trinke?

Die Arzneipflanze hilft bei Schlafstörungen und in den Wechseljahren. Forscher sind aber noch einer ganz anderen Wirkung auf die Spur gekommen.

Hopfensackerl unterm Kissen sollen für guten Schlaf sorgen; Hopfentee hilft, die Verdauung anzuregen. Das ist altbekannt, aber längst nicht alles. Am TUM-Campus Straubing betreibt eine Gruppe am Lehrstuhl Organische und Analytische Chemie Grundlagenforschung am Hopfen. Corinna Urmann ist überzeugt: Mögliche Anwendungsbereiche sind Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz. Seine Doktorarbeit zu diesem Thema schreibt derzeit Michael Kirchinger.

AZ: Herr Kirchinger, was weiß man bislang über die medizinische Wirkung von Hopfen?

MICHAEL KIRCHINGER: Hopfenextrakte wurden 2005 als Universalwirkstoff gepriesen. Drei Wirkstoffgruppen werden derzeit medizinisch eingesetzt oder erforscht. In Form von Tabletten werden beispielsweise Naturextrakte aus den schlaffördernden und beruhigenden Hopfendolden mit anderen Stoffen aus Baldrian oder Melisse kombiniert und gegen Schlafstörungen eingesetzt.

In welchen Bereichen kann Hopfen noch eingesetzt werden?

Als Phyto-Östrogen bekannt ist 8-Prenylnaringinin. Bereits um 1950 erkannte man, dass Hopfenpflückerinnen deswegen Probleme mit der Monatsblutung hatten. Der Stoff wird aktuell in der Hormonersatztherapie in den Wechseljahren verwendet. Er hat eine ähnliche Wirkung wie das körpereigene Hormon Östrogen.

Aber das ist längst nicht alles, oder?

Hopfenbestandteile wirken entzündungshemmend gegen Bakterien und Viren sowie in allen drei Stufen der Krebsentstehung. Es ist bewiesen, dass Xanthohumol gegen die Mutation in der DNA, also der Veränderung der Erbinformation, bei Fehlern in der Übertragung der DNA als auch gegen die Tumorbildung wirkt. In den USA wird zur Wirkung beim metabolischen Syndrom geforscht. Im Tierversuch sanken dabei der LDL-Spiegel, der Insulinspiegel und auch das Gewicht.

Und welches Forschungsziel verfolgen Sie?

Das übergeordnete Ziel ist zu klären, wie sich Spezialextrakte für Medikamente eignen. Einmal für die phytopharmazeutische Anwendung: Im Projekt ExbiNaH arbeiten wir daran, reine bioaktive Naturstoffe aus Hopfen zu gewinnen und die Akzeptanz beim Verbraucher zu klären. Zum zweiten forschen wir in Richtung pharmazeutische Industrie mit gezielt extrahierten und weiterbehandelten Stoffen. Ziel ist die Anwendung bei Demenz oder Alzheimer. Im Detail beschäftigen wir uns mit Flavonoiden.

Was versteht man darunter?

Flavonoide zählen zu den Sekundären Pflanzenstoffen und wurden ursprünglich sogar als Vitamin bezeichnet. Sie sorgen in unserem Beispiel für eine Gelbfärbung. In der Ernährung wird ihnen die Stärkung der Abwehr und die Vorbeugung vor Krebs zugeschrieben.

Kann ich Alzheimer vorbeugen, indem ich Bier trinke?

Nein, die Flavonoide sind im Bier nicht oder nur in minimalsten Mengen enthalten. Sie wären im Naturzustand ja nicht wasserlöslich und würden im Filtrat der Brauerei verbleiben.

Wie genau sieht Ihre Forschung aus?

Wir forschen am wenig wasserlöslichen Xanthohumol. In der Mikrowelle erhitzen wir es, um am Molekül einen Ring zu schließen und Xanthohumol C zu erhalten. Dieses betten wir in ein zweites Molekül namens Cyclodextrin ein. Damit wird es besser wasserlöslich und könnte – so die Hoffnung – über die Blut-Hirn-Schranke zu den Stammzellen im Gehirn gelangen.

Mikrowelle? Arbeitet man im Labor nicht mit Bunsenbrenner und Glaskolben?

Synthese-Mikrowellen sind gängig, aber natürlich gibt es Fans und Gegner. Die hochenergetische Strahlung der Mikrowelle spart einfach Zeit. Wir können damit eine Reaktion, die im Glaskolben drei Stunden dauern würde, in drei Minuten erreichen.

Was würde der Stoff im Gehirn bewirken?

Jeder Mensch besitzt adulte Stammzellen, also undifferenzierte Zellen, die sich in jede Art von Körperzellen entwickeln können. Diese sind für die Forschung interessant. Beispielsweise kann Epo, der Stoff aus dem Sportdoping, Stammzellen im Knochenmark anregen, rote Blutkörperchen zu bilden. Im Gehirn könnte also ein anderer Stoff bei Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer, wo aus verschiedenen Ursachen Nervenzellen fehlen, solche Zellen neu bilden helfen.

Kann ein gesunder Mensch damit intelligenter werden, sprich: Hopfen als Doping fürs Gehirn?

(lacht) Schön wäre es. Ich glaube nicht, dass neue Gehirnzellen für eine Superintelligenz sorgen könnten. Wichtig ist diese Forschung jedoch bei Krankheiten, wo Gehirnzellen geschädigt werden, um hier entgegenzuwirken und diese beispielsweise neu zu bilden.

Ist das schon mal geglückt?

Es hat wohl bisher niemand geschafft, im Gehirn neue Nervenzellen zu erzeugen. Aber im Zelltest war Xanthohumol C die bisher stärkste Substanz, die dies geschafft hat. Für eine Wirkung im Gehirn müsste es erst die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Da es jedoch wasserunlöslich ist, ist das Ziel unserer Forschung, es wasserlöslich zu machen.

Wann wird man ein solches Medikament kaufen können?

Unsere Substanz löst die Differenzierung von im Gehirn vorhandenen Stammzellen zu Nervenzellen aus. Allerdings ist dies bisher nur auf Zellebene erforscht. Tests an Tieren und aussagekräftige klinische Studien am Menschen stehen noch an. Wann und ob eine Zulassung als Medikament stattfinden kann, ist noch völlig offen.

Quelle: Abendzeitung, 16.02.2018
Autorin/Foto: Gertraud Wittmann