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Experten-Interview zu Hamsterkäufen während der Corona-Pandemie

TUMCS | 24.03.2020

Prof. Dr. rer. pol. Alexander Hübner

Prof. Dr. rer. pol. Alexander Hübner

Der Ansturm auf Klopapier und Nudeln lässt Regale in den Supermärkten leer. Die Corona-Pandemie verändert das Einkaufsverhalten der Menschen massiv, findet Alexander Hübner. Der Betriebswirt, der an der Technischen Universität München lehrt, sieht die Hamsterkäufe kritisch und erklärt, inwieweit die Grundversorgung auch in der aktuellen Krise gesichert wird. Hübner steht für Interviews gerne zur Verfügung.

Wie erklären Sie sich die aktuellen Hamsterkäufe im Handel?

Alexander Hübner: Unsere Umwelt verändert sich in der Corona-Pandemie dynamisch. Was gestern noch unvorstellbar war, ist heute schon Realität und wird morgen noch einmal überboten. In Bezug auf Lebensmitteleinkäufe sind die aktuellen Hamsterkäufe ein zu erwartendes Phänomen, da jeder erstmal versucht, in unsicheren Zeiten seine Grundbedürfnisse abzusichern. Aber Hamsterkäufe haben für Logistik und Bevölkerung negative Folgen.

Warum sind Hamsterkäufe für die Menschen problematisch?

Alexander Hübner: Solche Hamsterkäufe führen dazu, dass womöglich nicht jeder gleich gut versorgt werden kann. Dies ist dann vor allem für diejenigen Berufsgruppen problematisch, die sich bis weit über das normale Maß aktuell in den Dienst unserer Gesellschaft engagieren. Diese können vielleicht erst abends einkaufen und finden dann nicht mehr alle Artikel vor. Da ist Solidarität gefragt und die Händler haben inzwischen auch eingeführt, dass nur noch handelsübliche Mengen abgegeben werden. In den Haushalten steigt die Gefahr, dass Lebensmittel verderben. Wir konsumieren nicht automatisch mehr. Bei verderblichen Waren wie Obst und Gemüse oder Molkereiprodukten ist durch Hamsterkäufe damit zu rechnen, dass diese irgendwann im Müll landen.

Vor allem Fleisch und Wurst sowie Obst und Gemüse haben wenig bis keine Lagermöglichkeiten, um Engpässe aufzufangen. Verschwinden diese Waren in Kürze aus dem Handel?

Alexander Hübner: Hier gibt es viele dezentrale und lokale Betriebe, so dass es zwar durch Corona-Infektionen einzelne Produktionsausfälle geben kann, aber eine flächendeckenge Versorgung durch die weiteren Betriebe ermöglicht werden kann. Man muss zudem im Auge behalten, wie sich die Transportkapazitäten entwickeln. Die Reisebeschränkungen für osteuropäische Fahrer könnten sich hier kurzfristig negativ auswirken.

Welche Auswirkungen haben die aktuellen Grenzschließungen auf den internationalen Handel?

Alexander Hübner: Kurzfristig ergeben sich zwar Einschränkungen, aber auch diese werden sich wieder auflösen. Man darf nicht vergessen: Heute werden schon pro Person und Jahr mehr als 170 Kilogramm Lebensmittel in der EU weggeworfen. Es gäbe also selbst bei Knappheit noch genügend Reserven.

Sind die aktuellen Regallücken ein Indikator dafür, dass Lebensmittel und Waren in Zukunft knapp werden?

Alexander Hübner: Nein. Der Handel ist in der aktuellen Corona-Pandemie regelrecht überrannt worden. Dies gleicht sich in den kommenden ein bis zwei Wochen wieder aus. In Deutschland werden übrigens von der Bundesregierung Lebensmittel und Rohstoffe in ausreichender Menge vorgehalten, um im Krisenfall darauf zurückgreifen zu können. Davon sind wir aber weit entfernt, dass diese Bestände nun angegriffen werden müssen.

Welche Sicherungsmaßnahmen gibt es, um die Lebensmittelversorgung aufrechtzuerhalten?

Alexander Hübner: Die Lebensmittelversorgung wird durch den Einzelhandel und den Staat auch weiter gewährleistet sein. Selbst in der aktuellen Krise muss man für die nächsten Wochen und Monate keine Bedenken haben, dass die Grundversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Erstens gehört die Lebensmittelproduktion und der Lebensmittelhandel zu den systemrelevanten Bereichen, die selbst bei weiteren Einschränkungen aufrechterhalten bleiben. Und zweitens haben Händler auch in der Vergangenheit schon gezeigt, wie sie komplette Lagerausfälle – etwa bei Streik oder bei Verzögerungen von Lagereröffnungen – durch Belieferungen der Filialen aus anderen Zentrallagern auffangen können.

Wie steuern die Händler dem Risiko aktiv entgegen?

Alexander Hübner: Beispielsweise durch getrennte Schichten. Zudem arbeiten sie intensiv an weiteren Notfallplänen, die sie bei Bedarf aktivieren könnten. Viele Aktivitäten im Lager laufen heute vollautomatisch ab. Deutsche Lebensmittelhandel betreiben im weltweiten Vergleich eine sehr effiziente Logistik. Diese wird helfen, die aktuellen Anspannungen zu überbrücken.

Welche negativen Folgen haben Hamsterkäufe für die gesamte Lieferkette?

Alexander Hübner: Die Lieferketten und deren Planungssysteme sind für die Normalwochen ausgelegt. Hier gibt es z.B. automatische Dispositionssysteme, die zur optimalen Regalverfügbarkeit und niedrigen Logistikkosten führen. Durch Extremsituationen wird die Kalibrierung dieser Prognose- und Planungstools ausgehebelt. Bedarfe werden daher sowohl von der menschlichen als auch künstlichen Intelligenz tendenziell überschätzt. Dadurch werden größere Bestellmengen von der Filiale ans Handelslager übermittelt. Diese Schwankungen potenzieren sich über die Supply-Chain Stufen hinweg und führen zu noch größeren Unsicherheiten aufgrund schwerer einzuschätzender Nachfrage entlang der Lieferkette. Dieses Phänomen nennt man „Peitscheneffekt“. Ein kleines Zucken zu Beginn der Lieferkette führt zu großen Schwankungen am Ende der Kette. Dadurch werden dann Sonderschichten bei Lebensmitteproduzenten gefahren, obwohl es dafür dann gar nicht den kundenseitigen Bedarf gibt.

Wie wird sich der Lebensmittelhandel nun generell verändern?

Alexander Hübner: Die Auswirkungen der Globalisierung sehen wir nun an der Pandemie. Ich vermute, dass sich dies darauf auswirken wird, dass die Menschen sich auf regionale Wertschöpfung zurückbesinnen. Es werden wieder mehr regionale und auch nachhaltige Lieferketten entstehen. Man sieht jetzt schon ein extremes Wachstum im Online-Lebensmittelhandel. Vor Corona war der Anteil in Deutschland unter ein Prozent. Dies wird stark steigen. Die Online-Händler berichten von Wachstumsraten im hohen zweistelligen Bereich. Es ist auch davon auszugehen, dass es zunehmend Abholstationen gibt. Dieses Modell hat sich in Frankreich schon etabliert, wo bereits mehr als 3.500 solcher Drive-in-Stationen existieren.

 

Prof. Alexander Hübner (geb. 1978) ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität München (TUM), wo er den Lehrstuhl für Supply and Value Chain Management am Campus Straubing innehat. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Gestaltung nachhaltiger Lieferketten. Seine Tätigkeit umfasst die Entwicklung von Entscheidungsunterstützungssystemen in den Bereichen Transport, Bestandsmanagement, Kapazitätsmanagement und Sortimentsplanung mit speziellen Anwendungen im Einzelhandel, in der Konsumgüterindustrie und im Gesundheitswesen.

Kontakt:
Prof. Dr. rer. pol. Alexander Hübner
Technische Universität München (TUM)
Lehrstuhl für Supply and Value Chain Management
Tel.: +49 (0) 9421 187-245
alexander.huebner@tum.de
www.scm.cs.tum.de

Die Technische Universität München (TUM) ist mit rund 550 Professorinnen und Professoren, 43.000 Studierenden sowie 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine der forschungsstärksten Technischen Universitäten Europas. Ihre Schwerpunkte sind die Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften und Medizin, verknüpft mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die TUM handelt als unternehmerische Universität, die Talente fördert und Mehrwert für die Gesellschaft schafft. Dabei profitiert sie von starken Partnern in Wissenschaft und Wirtschaft. Weltweit ist sie mit dem Campus TUM Asia in Singapur sowie Verbindungsbüros in Brüssel, Kairo, Mumbai, Peking, San Francisco und São Paulo vertreten. An der TUM haben Nobelpreisträger und Erfinder wie Rudolf Diesel, Carl von Linde und Rudolf Mößbauer geforscht. 2006, 2012 und 2019 wurde sie als Exzellenzuniversität ausgezeichnet. In internationalen Rankings gehört sie regelmäßig zu den besten Universitäten Deutschlands.