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Dr. Norbert Fröhlich (links), Geschäftsführer des TUM Campus, und Prof. Dr. Volker Sieber, Rektor des TUM Campus. (Bild: Sophie Schattenkirchner / Straubinger Tagblatt)

Im Ge­spräch mit dem Rek­tor und dem Ge­schäfts­füh­rer des TUM Cam­pus Strau­bing

Von der Altstadt aus gehen Signale in die Welt – hier wird innovativ in Biotechnologie und Bioökonomie geforscht. Ob es deswegen einen Interessenkonflikt zwischen Alt- und Neustadt gibt und was sie sich von Bürgern wünschen würden, darüber haben wir mit Rektor Prof. Dr. Volker Sieber und Geschäftsführer Dr. Norbert Fröhlich vom TUM Campus gesprochen.

Die Neustadt feiert 800. Geburtstag – maßgebliche Impulse für die Zukunft kommen aber aus der Altstadt. Ein Interessenkonflikt?

Prof. Dr. Volker Sieber: Nein, das ist kein Interessenkonflikt. Die Neustadt ist aus der Altstadt heraus gewachsen, also auch früher wurde die Grundlage für die Zukunft bereits in der Altstadt gelegt und wir fühlen uns hier in der Altstadt sehr wohl. Auch wachsen wir in die Neustadt hinein, zum Beispiel durch eine künftige Anmietung von Räumen jenseits des Ludwigstors.

Dr. Norbert Fröhlich: Durch die aktuellen Entwicklungen am TUM Campus sind wir dabei, die Neustadt zu umschließen. Beispielsweise werden wir Räume in der Nähe des Eisstadions anmieten. Für uns gilt, was der bayerische Ministerpräsident gesagt hat: Wir kennen unsere Wurzeln. Wir sind stolz, vom älteren Teil der Stadt aus die Zukunft zu gestalten.

Ein herber Rückschlag für den noch jungen TUM Campus war der Brand des ehemaligen Jugendzentrums, das als neues Verwaltungsgebäude saniert wurde. Wie ging es Ihnen an diesem Tag im Oktober 2017? Was haben Sie gedacht?

Sieber: Mein erster Gedanke: Nicht schon wieder. Ich habe sofort an den Rathaus-Brand gedacht. Mein zweiter Gedanke: Was müssen wir jetzt tun? Es war sofort abzusehen, dass es dadurch zu einer mehrjährigen Verschiebung bei den Bauprojekten kommt. Jedes Gebäude, das wir weniger haben, bringt eine neue Herausforderung.

Fröhlich: Ich habe an diesem Freitag im Oktober noch nachmittags mein künftiges Büro im ehemaligen Jugendzentrum besichtigt, und mich über den frisch abgeschliffenen Boden gefreut. Als ich wenige Stunden später von dem Brand erfuhr, war ich natürlich entsetzt. So schlimm es auch war, kurz danach dachte ich mir: Immerhin war es kein Gebäude, das gerade in Betrieb war. Dann hätte man sich sofort die Frage stellen müssen: Wo arbeiten die Mitarbeiter am Montag? Jeder Quadratmeter ist für uns wichtig, wir haben eh einen erheblich großen Bedarf. Derzeit wird das ehemalige Jugendzentrum rückgebaut auf Rohbaustatus und getrocknet.

Seit Oktober 2017 ist Straubing Universitätsstadt. Wie sind die Rückmeldungen auf den neuen Titel?

Sieber: Es wird anerkennend bemerkt, wie engagiert man in Bayern vorangeht. Es ist ein Signal für Deutschland und die Welt in Sachen Biotechnologie, Nachhaltigkeit und Bioökonomie.

Fröhlich: Intern hat sich nicht viel geändert, wir waren schon zuvor sehr stark von der TU München geprägt. Es war zuvor nur wahnsinnig schwer zu erklären, wie wir hier eigentlich funktionieren. Als Teil der TUM ist das viel leichter geworden. Der Universitätsstatus ist der höchstmögliche Level und nach außen klar erkennbar. Das ist großartig.

Sehr viele Doktoranden arbeiten am Straubinger TUM-Campus…

Fröhlich: Derzeit sind es 75, so viele waren es aber zuvor auch. Die 1 000 Studenten, die einmal hier studieren sollen, sind eine große Zahl. Dafür sollen 30 Professuren eingerichtet werden – und diese bestehen ja im Wesentlichen aus Doktoranden. Wir werden künftig auf bis zu 500 Mitarbeiter kommen, davon werden 70 Prozent Doktoranden sein.

Sieber: Ich betreue derzeit 25 Doktoranden. Wir bilden hier nicht nur aus, wir sind auch ein großer Arbeitgeber. Die Doktoranden kommen aus aller Welt, wie den USA, Mexiko, Peru, Indonesien oder Ghana. Insgesamt haben wir derzeit 270 Studenten.

Was wünschen Sie sich von den Bürgern der Stadt?

Sieber: Der Markt für kleinere Wohnungen ist deutlich durcheinander gebracht worden. Wir wünschen uns, dass viel neuer Wohnraum geschaffen wird und nicht, dass mit zu wenigen neuen Angeboten die Mietpreise weiter nach oben treiben. Auch Bürger, die größere Wohnungen besitzen, sollten das Potenzial der Studenten erkennen, die gerne Wohngemeinschaften bilden. Die organisieren sich wunderbar selbst, gerade auch hinsichtlich des Mieterwechsels.

Fröhlich: Die Wohnungssituation sollte an unserem Standort der Pluspunkt gegenüber München sein, um Studenten nach Straubing zu ziehen. Für die Studenten muss unbedingt günstiger Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Man muss sich auch einmal bewusst machen, was Studenten für Straubing bedeuten.

Sieber: Wir sorgen dafür, dass hier einmal 1 000 Studenten studieren können.

Fröhlich: Wir können aber keine Wohnungen bereitstellen, dass können nur die Stadt und die Bürger. Allen Immobilienbesitzern sei gesagt: Der Wert einer Immobilie steigt nachhaltig, wenn eine Stadt boomt, und dafür ist der Zuzug junger Leute ein wichtiger Faktor. Da habe ich noch einen weiteren Wunsch: Man möchte zwar immer junge Leute hier haben, aber wenn es dann einmal etwas lauter wird, gibt es sofort Beschwerden. Von den Studenten hören wir dann: ‚In Straubing ist nichts los‘.

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Sieber: Wir besetzen bis zu acht Professuren allein in diesem Jahr. In Kürze eröffnen wir das neue Modullaborgebäude und in zwei Jahren den Neubau an der Donau. Wir erweitern deutlich unser Studienangebot, zum Beispiel haben wir erst letztes Semester drei neue Studiengänge eingeführt, zum Wintersemester kommt ein weiterer dazu und nächstes Jahr noch zwei.

Fröhlich: Wir geben sehr massiv an allen Fronten Vollgas. Als Laie glaubt man kaum, wie viel Aufwand es bedeutet, einen neuen Studiengang einzuführen oder einen Professor zu berufen. Unser größter Engpass aber sind die Gebäude, die brauchen wir unbedingt. Deshalb betreuen wir viele Bauprojekte und nebenbei stellen wir die interne Organisation vielfach um. Vorher lief da viel über andere Fakultäten. Da haben wir nun viele wichtige Rechte dazubekommen, aber auch zahlreiche Aufgaben.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Warum ist Straubing so lebenswert?

Sieber: Ich bin kein Großstadtmensch. Ich wohne sehr gerne hier. Straubing ist eine Stadt der kurzen Wege, ein idealer Ort, an dem man gut leben und arbeiten kann. Der Freizeitwert ist sehr hoch. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Fröhlich: Hier zu leben ist wahnsinnig angenehm. Straubing hat alles, was man braucht, und das auf sehr kompaktem Raum. Man ist nah am bayerischen Wald, in dem manch andere Urlaub machen. Die Natur hier, wie zum Beispiel die Donau, sind einfach wunderbar. Straubing hat eine extrem hohe Lebensqualität, insbesondere für Familien, die werden hier besonders geschätzt.

Quelle: Straubinger Tagblatt, 21.06.2018
Interview/Foto: Sophie Schattenkirchner